Deutsche Zoos: Hinter Gittern für den guten Zweck?

Thomas Wild: The Vulture -Zoo Dresden
Thomas Wild: The Vulture -Zoo Dresden

Die Meinungen über Zoos gehen in der Tierrechtsszene weit auseinander.

Während die einen sie als „Gefängnisse für Tiere“ (PETA) bezeichnen, arbeiten andere eng mit zoologischen Einrichtungen zusammen (WWF).


Ich selbst habe es bis dato nicht geschafft mir eine abschließende Meinung zu bilden-

Grund genug sich im Rahmen eines Blogartikels einmal ausführlicher mit diesem Thema auseinanderzusetzen.


800 Zoos und Zoo-ähnliche Einrichtungen können allein in Deutschland gezählt werden.


Die Wurzeln unserer heutigen Zoologischen Gärten lassen sich bis ins in die Zeit der Pharaonen zurückverfolgen. Diese hielten auch exotische Tiere in Käfigen nahe ihrer Paläste. Auch von den Chinesischen Kaisern sind derartige Sammlungen bekannt. Lange blieben diese Sammlungen dem gehobenen Publikum vorbehalten. Der erste Zoo nach unserem heutigen Verständnis eröffnete 1752 in Wien, der Berliner Zoo folgte 1844 und ist damit der älteste Zoo Deutschlands.

Pardee Ave: Zoo
Pardee Ave: Zoo

Heutzutage definieren Zoos sich selbst nicht mehr nur als Stätten der Erholung- und Freizeitgestaltung, ihr Selbstverständnis ist wesentlich durch die Verwirklichung des Bildungsauftrags und das Engagement für den Artenschutz geprägt. Um dieser Zielsetzung nachzukommen, werden die Zoos vom deutschen Staat jährlich mit mehreren Millionen Euro subventioniert.


Nur 15% der Zootiere sind "gefährdete Tierarten"


Einige Tierarten sind in freier Natur (fast) komplett ausgerottet - in zoologischen Einrichtungen können sie jedoch noch bestaunt werden. Tatsächlich machen diese gefährdeten Tierarten jedoch weniger als 15% der Gesamtbesetzung der deutschen Zoos aus. Über 85% der verfügbaren Kapazitäten werden für die Haltung nicht gefährdeter Arten genutzt. Eine Verteilung, die das Artenschutzargument ins Wanken bringt.


Aussterben in Gefangenschaft ist genetisch vorprogrammiert


Weiterhin ist die Wertigkeit der Arterhaltung in Gefangenschaft mehr als streitbar. Aufgrund der geringen Anzahl der Individuen, schrumpft der Genpool mit jeder Generation weiter zusammen, was dazu führt dass das Aussterben der Art auch in Gefangenschaft eigentlich nur noch eine Frage der Zeit ist. Die erfolgreiche Auswilderung von Individuen aus Nachzuchtprogrammen ist aufgrund der genetischen Anpassung an die Gefangenschaft und den verkümmerten Instinkten der Tiere in den meisten Fällen sowieso ausgeschlossen. Und selbst wenn eine erfolgreiche Wiederauswilderung möglich wäre, dürfte es an geeignetem Habitat hierfür fehlen.


Nachzucht in Gefangenschaft statt Schutz vor Ort


Mit einem Blick auf diese Zusammenhänge stellt sich die Frage, inwiefern die Subventionierung von Nachzuchtprogrammen (zumindest im aktuellen Umfang) Sinn macht. Um das Problem des Artensterbens an der Wurzel zu packen, wäre die finanzielle Unterstützung von Schutzprogrammen „in situ“ stattdessen deutlich sinnvoller. Vor Ort ist mit weniger Mitteln häufig deutlich mehr zu bewegen, als es ein Nachzuchtprogramm in einem fernen Land vermag.

Diese Annahme wird auch durch die Aussage von W. Travers von der Born Free Foundation gestützt, nach der dieser Organisation ihre Schutzbemühungen für wildlebende Gorillas im Kongo für die nächsten fünf Jahre vervierfachen könnte, stünden ihr nur 10% der Gesamtausgaben für den Bau des Gorilla- Geheges im Londoner Zoo zur Verfügung.


Gesetzlicher Bildungsauftrag


Den deutschen Zoos wurden vom Gesetzgeber bereits 1977 auf den Bildungsauftrag verpflichtet (§42 III Nr.6 BNatSchG). Eine entsprechende Regelung der Europäischen Gemeinschaft folgte 1999 (Richtlinie1999/22/EG )

Laut dem Verband der Zoologischen Gärten e.V. ist es Ziel unserer Zoos die Besucher für die Notwendigkeit des Natur- und Artenschutzes zu sensibilisieren. Diesbezüglich bezeichnet der Verband seine Mitglieder auch gerne als „größte außerschulische Bildungszentren“. Diesem Selbstverständnis steht jedoch ausgerechnet eine Studie des brancheninternen Verbands WAZA entgegen, nach der Besucher ihr Wissen über Artenvielfalt und Artenschutz durch einen Zoobesuch im Schnitt nur um etwa fünf Prozent erweitern konnten.


Bildungserfolg ist minimal


Neben dem blamablen Ergebnis der Studie stellt sich auch ganz allgemein die Frage, inwieweit die Präsentation von Tieren in Gefangenschaft für Bildungszwecke sinnvoll sein kann. Schließlich verhalten sich Tiere in Gefangenschaft substanziell anders als in freier Natur (nicht umsonst hat die Verhaltensforschung schließlich die beiden Sparten „in situ“ und „ex situ“ definiert). Tatsächlich besteht sogar die Gefahr, dass bei den Besuchern ein völlig falscher Eindruck über die Bedürfnisse der Tiere entsteht, wenn diese beispielsweise in ungeeigneten Haltungsbedingungen präsentiert werden.

Kristina Micotti: Berlin Zoo
Kristina Micotti: Berlin Zoo


Artgerechte Haltung? Fehlanzeige!


Das tierschutzrechtliche Problem Nummer eins im Bezug auf Zoos ist die artgerechte Haltung der Zootiere- oder besser gesagt das Fehlen von artgerechten Haltungsbedingungen und Gehegen.

Der EU ZOO Report- Deutschland stellte 2012 fest, dass knapp ein Drittel der Gehege nicht einmal die Mindestanforderungen für eine artgerechte Haltung erfüllen. Bei 87% der untersuchten Gehege wurde weiterhin ein Mangel an Verhaltens-, bzw. Beschäftigungsmaterial registriert.

Diese Ergebnisse dürften kaum verwundern, schließlich ist die Haltung gerade von Tieren mit großem Schauwert (Elefanten, Tiger, Affen) schon bereits aufgrund des begrenzten Platzes nicht möglich ( Elefanten sind Nomaden, Tiger beanspruchen ein Gebiet ab 2.300 Hektar, Orang-Utans sind Einzelgänger mit einem Territorium ab 70 Hektar/Individuum ). Neben dem Platzmangel kommen natürlich auch noch weitere Faktoren, wie das Klima (Ja, auch Außengehege können bei ungeeignetem Klima Tierquälerei sein) und der Stress durch die Besucher dazu. Das alles führt zu Verhaltensstörungen. Besonders gut kann man diese im Hauptstadtzoo bei den Elefanten sehen und auch die Wildkatzen im gekachelten Raubtierhaus sind ein gutes Beispiel.


Schluss mit den Zoos

Nachdem ich mich ein bisschen näher mit dem Thema beschäftigt habe, komme ich zu dem Schluss, dass unsere Zoos (zumindest) in ihrer heutigen Form einer Existenzberechtigung entbehren. Ihr Beitrag zum Artenschutz ist ausgesprochen fragwürdig, ja sogar ineffektiv und auch bei der Verwirklichung des Bildungsauftrags wurde das Scheitern bereits von eigener Seite bescheinigt. Schließlich ist  eine Aufrechterhaltung des aktuellen Konzepts ausschließlich zu Zwecken der Erholung- und Freizeitgestaltung aufgrund der üblen Haltungsbedingungen tierschutzrechtlich und moralisch nicht denkbar.


Mich interessiert brennend, wie ihr zu der Thematik steht!

Findet ihr Zoos überholt, nutzlos oder auch total sinnvoll?

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